Von Zürich nach Kyjiw: Warum Wissenschaftlerin Oksana Kaschynzewa die Rückkehr in die Ukraine wählte

10 September 2026

Oksana ist Kandidatin der Rechtswissenschaften, Dozentin, Juristin, Leiterin des Zentrums für die Entwicklung geistigen Eigentums und Lehrende. Während der umfassenden Invasion arbeitete sie an wissenschaftlichen Projekten in Zürich, München und Bukarest, kehrte jedoch in die Ukraine zurück — zu ihrer Familie und an den Ort des „technologischen und mentalen Durchbruchs“. Es folgt Oksanas Erzählung.

Sonderprojekt „Nach Hause“

Über eine Million Ukrainer sind nach ihrer erzwungenen Emigration in die Ukraine zurückgekehrt. Über diesen Weg berichten wir im Sonderprojekt „Nach Hause“, das aus echten Geschichten und Erfahrungen besteht.

Diese Veröffentlichung wurde im Rahmen des Projekts YOUA „Neue Wege gestalten, die Zukunft der Ukraine aufbauen“ erstellt, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt wird.

Das Projekt YOUA fördert den Dialog zwischen Ukrainern im Land und im Ausland und arbeitet an der Verbesserung der Informationsunterstützung auf dem Weg der Rückkehr und Reintegration. Genau dafür wurde im Rahmen des Projekts die digitale Plattform „Nach Hause“ geschaffen.

Wer ich bin und wie mich der Krieg erreichte

Ich stamme aus Lwiw, lebe aber seit meiner Studienzeit in Kyjiw. Hier lebt meine Familie — meine studierende Tochter und mein Mann. Von Beruf bin ich Juristin. Vor dem Krieg war ich nationale Beraterin internationaler Organisationen, Dozentin an der Taras-Schewtschenko-Nationaluniversität Kyjiw und lehrte Recht an der O.-O.-Bohomolez-Nationalen Medizinischen Universität.

Der Krieg erreichte uns an meinem Geburtstag. Bei uns hatte sich die Tradition eingebürgert, an meinem Geburtstag irgendwohin zu fliegen. Wir befanden uns im spanischen Alicante. Mein Mann bestand darauf, dass unsere Tochter und ich im Ausland bleiben, doch für mich stand außer Frage: Ich fahre mit ihm. Mir schien, ich könnte in diesem Moment nicht außerhalb der Ukraine sein, ich müsse hier etwas festhalten.

Der schlimmste Tag: die Trennung von meiner Tochter

Ich wollte unbedingt auch meine Tochter mitnehmen. Aber mein Mann sagte, sie sei ein Mädchen, wir wüssten nicht, wohin sie gelangen und was mit Frauen geschehen würde. Dieses Argument war vernichtend.

In meinem Leben gibt es zwei schlimmste Tage: den ersten, als meine Mutter starb, und den zweiten — als ich meine 17-jährige Tochter in den Zug zu Freunden setzte. Alle unsere Flugtickets waren verfallen, ein Flug in die Ukraine war unmöglich, und ich wusste nicht, ob ich sie überhaupt jemals wiedersehen würde.

Angebote aus aller Welt — und die Rückkehr in die Ukraine

Bekannte aus verschiedenen Ländern riefen uns mit Arbeitsangeboten an. Eines der ersten Programme war Scholars at Risk für Wissenschaftler. Die akademische Gemeinschaft schloss sich unglaublich um ukrainische Wissenschaftler zusammen: Man war bereit, uns überall aufzunehmen — von den USA bis ganz Europa (ich selbst landete in der Schweiz). Man rief mich persönlich an und bot mir Optionen an, weil man meine wissenschaftliche Arbeit kannte. Doch damals lehnte ich das alles ab.

Mein Mann und ich kehrten in die Ukraine zurück. Dann geschah Butscha. Es wurde klar, dass es keine sicheren Orte gibt. Mein eigener Mann begann, mich aus dem Land zu drängen, mit den Worten: „Binde mir die Hände nicht, fahr, für mich wird es so einfacher sein.“

Das Forschungsprojekt in Zürich: zwischen Diskussionen und Schuldgefühl

Man riss mich buchstäblich mit Gewalt aus der Ukraine für ein einjähriges internationales Projekt an der Universität Zürich. An dem Projekt nahmen Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern teil: Mediziner, Genetiker, Theologen, Vertreter der Natur- und Geisteswissenschaften. Für ukrainische Juristen bestand besonderes Interesse, da die Ukraine über eine sehr liberale, aber zugleich klar geregelte Gesetzgebung in diesem Bereich verfügt.

Doch jedes Mal, wenn man uns nach den wissenschaftlichen Diskussionen mit Kaffee, Wein und Gebäck verwöhnte, empörte mich das innerlich: Ich dachte darüber nach, wie viele Drohnen oder Medikamente man dafür für die Ukraine hätte kaufen können.

💡 Über die Wahrnehmung im Ausland

Man begegnete uns mit großer Freundlichkeit, doch es gab auch schwierige Momente. Als etwa der Kachowka-Staudamm gesprengt wurde, äußerten manche ausländische Kollegen den Satz, „das sei nicht so eindeutig, und man wisse nicht, wer ihn gesprengt habe“.

An der Universität herrschte eine strenge akademische Zensur hinsichtlich der Emotionalität von Materialien. Man durfte niemandes Gefühle verletzen oder übermäßige Emotionen zeigen. Doch meine Kollegen und ich fügten trotzdem in jede unserer Präsentationen Fotos vom Krieg in der Ukraine ein, begannen unsere Vorträge damit und betonten: Das Leben mithilfe der Reproduktionsmedizin fortzusetzen sei wunderbar, doch noch wunderbarer sei es, die Leben zu bewahren, die bereits auf diesem Planeten existieren.

In dieser Zeit ging meine Tochter, um Französisch zu lernen (für ukrainische Studierende gab es damals viele solcher Programme), und wir befanden uns überhaupt nicht zusammen, wie es sich ihr Vater gewünscht hatte: Ich war in der Schweiz, sie in Belgien.

München und Bukarest: eine bewusste Entscheidung ohne Flüchtlingsstatus

Später bewarb ich mich am Max-Planck-Institut in München, wo ich bereits vor dem Krieg gemeinsam mit deutschen Kollegen an einer Monografie geschrieben hatte. Man lud mich zu dem Projekt ein. Als ich nach München kam, setzte ich alles daran, nicht den Weg über § 24 für Geflüchtete zu gehen, sondern gerade ein befristetes Forschungsprojekt zu formalisieren.

München erschien nach der Schweiz schon fast wie zu Hause — Bayern ist mental näher, und die Ukraine ist von dort aus nicht weit. Dort gab es ein internationales Forschungsprojekt zum Zugang zu Medikamenten, an dem viele ukrainische Wissenschaftler beteiligt waren. Meine ausländischen Kollegen wussten, dass ich nur vorübergehend hier war. Und das war wichtig, denn sie empfanden keine Konkurrenz und akzeptierten die Ukrainer an der Universität dadurch leichter. Ich weiß, dass zum Beispiel in Polen bei Kollegen genau die gegenteilige Situation herrschte.

In München arbeitete ich ein halbes Jahr, danach ging ich noch zu einem weiteren Forschungsprojekt nach Bukarest.

Die Rückkehr nach Hause

Dann wurde mir klar, dass ich nach Hause zurückkehren musste. Der Duft unserer Straßen, unsere Medizin — das sind unvergleichbare Dinge. Ich sagte, wenn ich zurückkehre, würde ich jede Stufe meiner Bezirkspoliklinik küssen — und ungefähr so tat ich es auch.

Nach meiner Rückkehr in die Ukraine ging es mir emotional wesentlich besser. Es kam zu grundlegenden Veränderungen in meiner beruflichen Tätigkeit.

Über 12 Jahre lang war ich Einzelunternehmerin und arbeitete als Beraterin. Wegen der Auflösung vieler internationaler Projekte schloss ich mein Unternehmen und wechselte in eine staatliche Position. Derzeit leite ich das Zentrum für die Entwicklung des Rechts des geistigen Eigentums in einer staatlichen Organisation, die sich mit diesem Bereich befasst. Ich warte auf die Bestätigung des Bildungsministeriums, um den offiziellen Professorentitel zu erhalten.

Familie auf Distanz und Projekte zum Kulturerhalt

Was Familie und Ehemann betrifft: Distanz ist eine enorme Belastungsprobe. Meine Tochter ist bereits erwachsen, studiert im Ausland, denkt aber ebenfalls über eine Rückkehr nach.

Außerdem setze ich gemeinsam mit meinem Team mehrere wichtige Projekte zur Wiederherstellung der ukrainischen Transliteration um — die Rückgabe ukrainischer Namen und Nachnamen unserer Künstler in westlichen Galerien, Katalogen und Museen (damit sie nicht mit russischer Transliteration versehen werden). Außerdem entwickeln wir rechtliche Mechanismen und Möglichkeiten, um gesetzliche Hindernisse bei der Versicherung von Kunstobjekten zu überwinden — damit ukrainische Ausstellungen ins Ausland reisen und der Welt unsere Kultur zeigen können, all das, was bei uns während des Krieges geschieht. Unser Arbeitstempo in der Ukraine ist derzeit rasant.

❗️ Das Projekt YOUA bietet ausschließlich technische Unterstützung und beeinflusst keine persönlichen Entscheidungen der Menschen hinsichtlich einer Rückkehr in die Ukraine. Die Teilnahme an Veranstaltungen und die Nutzung von Diensten wie der Plattform „Nach Hause“ erfolgen ausschließlich freiwillig — für diejenigen, die eine Rückkehr in Erwägung ziehen, eine solche Entscheidung bereits getroffen haben oder sich im Prozess der Reintegration nach ihrer Rückkehr in die Ukraine befinden.

Denys

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