„Mein Zuhause ist dort, wo meine Familie ist“: Warum Tetjana Samojlenko aus Deutschland nach Kyjiw zurückkehrte

Vor der großangelegten Invasion hatte Tetjana ein stabiles Einkommen und baute gemeinsam mit ihrem Mann, einem Grenzschützer, ihr Familienleben in Kyjiw auf. Die ersten Kriegstage verbrachte die Familie in der Hauptstadt, doch wegen der Sicherheitsbedrohungen musste Tetjana mit ihrer jüngeren Tochter und dem Hund evakuiert werden. Durch Staus und Beschuss in der Region Kyjiw kämpften sie sich in den Westen der Ukraine durch und von dort nach Deutschland, nach Essen. Ihr Mann blieb in der Ukraine, um seinen Militärdienst zu leisten. Es folgt Tetjanas Erzählung.
Über eine Million Ukrainer sind nach ihrer erzwungenen Emigration in die Ukraine zurückgekehrt. Über diesen Weg berichten wir im Sonderprojekt „Nach Hause“, das aus echten Geschichten und Erfahrungen besteht.
Diese Veröffentlichung wurde im Rahmen des Projekts YOUA „Neue Wege gestalten, die Zukunft der Ukraine aufbauen“ erstellt, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt wird.
Das Projekt YOUA fördert den Dialog zwischen Ukrainern im Land und im Ausland und arbeitet an der Verbesserung der Informationsunterstützung auf dem Weg der Rückkehr und Reintegration. Genau dafür wurde im Rahmen des Projekts die digitale Plattform „Nach Hause“ geschaffen.
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Das Leben vor dem Krieg: Arbeit, Familie und eine eigene Wohnung in Kyjiw
Vor der großangelegten Invasion fühlte ich mich absolut wohl und finanziell stabil. Ich stamme aus Schostka in der Region Sumy, nach Kyjiw kam ich 1999 zum Studium. Alles, was ich in der Hauptstadt habe, habe ich mit eigenem Verstand und eigener Arbeit verdient. Anfang 2022 arbeitete ich in einem internationalen Unternehmen und führte meine eigene PR-Agentur. Ich gehöre zu den Menschen, für die eine Familie außerordentlich wichtig ist. 2019 lernte ich meinen zweiten Mann kennen — einen Veteranen seit 2014, einen Grenzschützer. Zusammen hatten wir eine große Familie: Die ältere Tochter studierte seit 2015 in Polen, die jüngere lebte bei uns, und wir wünschten uns ein drittes Kind. Kurz vor dem Krieg nahmen wir einen Kredit auf, legten alle Ersparnisse zusammen und kauften eine Wohnung in Kyjiw, die wir noch renovieren konnten. Wir hatten ein neues Auto, stabile Pläne, einen Hund. Wir waren die klassische ukrainische Mittelschicht, die ein erfülltes Leben führte.
Die Abreise: Abschied am Bahnhof von Lwiw
Am 5. März 2022 fuhren wir los. Zuerst kamen wir nach Boryslaw in der Region Lwiw und danach nach Lwiw selbst. Dort, am Bahnhof, verabschiedeten wir uns von meinem Mann.
Es war ein Abschied wie für immer, denn er ist Soldat. Wir wussten, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen würden…
Meine ältere Tochter half uns von Polen aus, eine Möglichkeit in Deutschland zu finden. Wir beluden das Auto mit unseren Sachen, nahmen den Hund mit und machten uns auf den Weg nach Essen.
Essen: Stefanie, die uns ihr Büro überließ
In Deutschland hatten wir unglaubliches Glück. Uns nahm die Deutsche Stefanie auf — Inhaberin eines kleinen Unternehmens. Sie räumte ihr Büro am Stadtrand von Essen komplett leer, kaufte neue Möbel dafür und ließ uns kostenlos dort wohnen. Ringsum Deutsche, Blumenbeete, Blumen, Nachbarn, die uns Leckereien vor die Tür stellten und ein ukrainisches Band an mein Auto hängten. Es war schön und rührend.
Warum ich es in Deutschland nur vier Monate aushielt
Trotz idealer Bedingungen, finanzieller Stabilität und der Freundlichkeit unserer Gastgeber hielt ich es in Deutschland nur vier Monate aus. Alles um mich herum war fremd. Angefangen bei den Lebensmitteln bis hin zur Kluft in der Mentalität. Mir fehlte ein lebendiges ukrainisches Umfeld. Im Juni 2022 geriet ich in Italien am Strand in eine Diskussion mit Einheimischen, denen unser Krieg gleichgültig war. Später beschwerte sich ein spanischer Bekannter über „dreiste ukrainische Flüchtlingsfrauen“.
Mit Deutschen gab es solche Situationen nicht. Deshalb dachte ich oft, dass ich in Deutschland hätte bleiben können, wenn es wirklich nötig gewesen wäre. Aber es wäre trotzdem ein Zwang gegen mich selbst gewesen.
Die Entscheidung an der Grenze: Wir kehren zurück und sprechen nie wieder Russisch
In vier Monaten haben meine Tochter und ich 10 europäische Länder bereist und der Älteren geholfen, an einer Universität in Posen angenommen zu werden. Doch je näher wir der Grenze zur Ukraine kamen, desto stärker zog es uns nach Hause. Im Juli 2022, bei einer Übernachtung in Polen kurz vor dem Grenzübertritt, trafen meine Tochter und ich eine grundsätzliche Entscheidung: Wir kehren in die Ukraine zurück und sprechen nie wieder Russisch. Mein Mann, der Grenzschützer, hatte uns jahrelang die Bedeutung von Sprache und Geschichte erklärt, und erst der Krieg hat uns endgültig die Augen geöffnet. Seit diesem Tag hat meine mittlere Tochter kein einziges russisches Wort mehr gesprochen, selbst wenn man sie auf Russisch anspricht. Wir fuhren über die zerstörte Schytomyr-Fernstraße, sahen all diese Verwüstungen, waren aber absolut glücklich. Wir sind zurückgekehrt.
Leben nach der Rückkehr: ein drittes Kind und eine ukrainische Universität
Im Dezember 2023 habe ich in Kyjiw mein drittes Kind zur Welt gebracht. 2026 hat meine mittlere Tochter die Schule mit Bestnoten abgeschlossen, ein Studium in Europa abgelehnt und sich für eine ukrainische Hochschule entschieden. Ich möchte, dass meine Kinder genau hier eine Ausbildung erhalten, arbeiten, Familien gründen und ihre Träume verwirklichen. Mir ist wichtig, dass meine Kinder nicht nur in der Ukraine leben, sondern auch Teil ihrer Zukunft sind.
Vor dem Krieg habe ich über Emigration nachgedacht — ich kann remote arbeiten und spreche gut Englisch. Aber heute verstehe ich, dass ich in der Ukraine sein will und nirgendwo sonst. Ich bin diesen Weg gegangen, bin zu meinen Wurzeln zurückgekehrt und weiß genau: Mein Zuhause ist dort, wo meine Familie ist — in Kyjiw.
Die Ukrainer sind eine erstaunliche Nation. Die Zukunft des Landes hängt von denen ab, die trotz aller Herausforderungen bleiben, zurückkehren und mit ihrer Arbeit jeden Tag helfen, die Ukraine besser zu machen.
❗️ Das Projekt YOUA bietet ausschließlich technische Unterstützung und beeinflusst keine persönlichen Entscheidungen der Menschen hinsichtlich einer Rückkehr in die Ukraine. Die Teilnahme an Veranstaltungen und die Nutzung von Diensten wie der Plattform „Nach Hause“ erfolgen ausschließlich freiwillig — für diejenigen, die eine Rückkehr in Erwägung ziehen, eine solche Entscheidung bereits getroffen haben oder sich im Prozess der Reintegration nach ihrer Rückkehr in die Ukraine befinden.
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