„Ich will nur zu Hause leben“: Warum Tetjana Borosenez aus Riga zurückkehrte und ihr Haus bei Kyjiw wieder aufbaute

Durch ihre Arbeit in der Weinbranche reist Tetjana sehr viel — Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Lettland. Doch eine ihrer schwierigsten Erfahrungen mit dem Leben im Ausland machte sie ausgerechnet nach der Evakuierung aus der Ukraine — in Riga, wo es damals an prorussisch eingestellten Menschen nicht mangelte. Die Rückkehr und der Wiederaufbau ihres Hauses in der befreiten Region Kyjiw wurden zu ihrem Halt, zu ihrem Kraftort. Es folgt Tetjanas Erzählung.
Über eine Million Ukrainer sind nach ihrer erzwungenen Emigration in die Ukraine zurückgekehrt. Über diesen Weg berichten wir im Sonderprojekt „Nach Hause“, das aus echten Geschichten und Erfahrungen besteht.
Diese Veröffentlichung wurde im Rahmen des Projekts YOUA „Neue Wege gestalten, die Zukunft der Ukraine aufbauen“ erstellt, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt wird.
Das Projekt YOUA fördert den Dialog zwischen Ukrainern im Land und im Ausland und arbeitet an der Verbesserung der Informationsunterstützung auf dem Weg der Rückkehr und Reintegration. Genau dafür wurde im Rahmen des Projekts die digitale Plattform „Nach Hause“ geschaffen.
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Wer ich bin: Karriere in der Weinbranche und zwei Kinder
Meine Karriere habe ich in der Weinbranche aufgebaut. Bis 2021 war ich im Top-Management eines ukrainischen Unternehmens tätig, und 2021 holte mich ein französisches Unternehmen — einer der weltweit führenden Weinproduzenten — mit einem Vertrag zu sich. Ich arbeite für sie in der Ukraine, wir kooperieren systematisch mit allen großen Einzelhändlern.
Ich ziehe zwei Kinder groß: Mein älterer Sohn ist Jahrgang 1998, meine jüngere Tochter Jahrgang 2011.
Evakuierung: die Datscha bei Makariw und vier Tage ohne Lebensmittel
Das Land zu verlassen, hatte ich überhaupt nicht vor. Am 24. Februar weckte mich mein älterer Sohn mit den Worten: „Mama, steh auf, der Krieg hat begonnen.“ Es kam das Gefühl auf: Etwas ist passiert, und man muss sofort etwas tun, obwohl man noch nicht weiß, was. Ich habe eine Datscha in einer Ferienhaussiedlung — in einem Dorf im Bezirk Makariw bei Kyjiw. Damals schien mir, dass es ein sicherer, ruhiger Ort fast im Wald ist, möglichst weit weg von Industrieanlagen, wo es schlicht nichts zu bombardieren gibt — nur kleine Häuser. Ich beschloss, dass wir dort sicherer sein würden. In dem 120 Quadratmeter großen Haus versammelten wir uns zu siebt: ich, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwägerin, zwei erwachsene junge Frauen und meine jüngere Tochter. Unser Haus lief komplett mit Strom, einschließlich der Heizung. Am ersten Tag war alles relativ normal, doch am zweiten Tag fiel der Strom vollständig aus, und es kam strenger Frost. Die Lage verschlechterte sich rasant: Die Kämpfe rückten immer näher, ringsum brannte und explodierte alles. Am vierten Tag waren die Lebensmittel komplett aufgebraucht, denn es gab keinen Ort, an dem man welche bekommen konnte.
Seelisch war es furchtbar schwer. Um uns herum brannte alles, aber ich hatte mich darauf eingestellt, auf unsere Soldaten zu warten, und dachte zunächst nicht an Flucht. Das eindeutige Zeichen, dass wir fliehen mussten, war ein abgeschossenes russisches Flugzeug. Mein Haus ist das letzte in der Siedlung, dahinter erstreckt sich ein großes Feld. Das abgeschossene Flugzeug flog in minimaler Höhe direkt auf unser Haus zu, doch der Pilot zog es irgendwie weiter, und es stürzte 300 Meter von uns entfernt ins Feld. Wie sich später herausstellte, hatte es vier Fliegerbomben an Bord, die nicht sofort explodierten. Als Pioniere sie nach der Befreiung einzeln sprengten, hüpfte das Haus buchstäblich.
Danach rollten russische Panzer an unserem Dorf vorbei. Sie fuhren in unsere Straße, und ob ihnen im Fenster des letzten Hauses etwas vorgekommen war oder was auch immer — ein Panzer drehte einfach das Rohr und feuerte auf das Haus.
Die Kolonne mit der Aufschrift „KINDER“
Wir schlossen uns mit den Dorfbewohnern zusammen und beschlossen, in einer organisierten Kolonne aus 20 Autos zu fahren. Am 5. März, am Vorabend unserer Abfahrt, wurde die erste Kolonne von Zivilisten beschossen. Am Morgen des 6. März zerrissen wir Bettlaken, umwickelten die Autos mit weißen Bändern, fanden Papierbögen und schrieben in großen Buchstaben „KINDER“ auf die Windschutz- und die Heckscheibe. In meinen Nissan Juke stiegen ich, meine Mutter und meine jüngere Tochter, in das Auto meines Bruders die übrigen jungen Frauen.
An einem Autobahnkreuz verlor ich die Orientierung und verlor die Hauptkolonne aus den Augen. Mein Bruder fuhr mir hinterher, und wir beide landeten direkt auf der Schytomyr-Fernstraße. Die Strecke war in einem schrecklichen Zustand: überall zerstörte zivile und militärische Fahrzeuge, Krater, Leichen am Straßenrand, statt einer Straße nur ein schmaler Pfad. Ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: bloß keinen Reifen zerstechen, denn wenn man anhält, ist das der Tod.
Gleich hinter Makariw standen bereits unsere Jungs von den ukrainischen Streitkräften. Wir kurbelten das Fenster herunter und grüßten. Ein ganz junger Soldat in Uniform holte eine Mandarine aus der Tasche und gab sie meiner verängstigten Tochter. Erst da brach ich zum ersten Mal in Tränen aus. Ich hielt an, weinte mich aus, fasste mich wieder und fuhr weiter.
Wir kamen an, wie wir waren — in schmutziger Gartenkleidung, schwarz von Ruß und Lagerfeuer, ungewaschen. Alle Sachen waren in Kyjiw geblieben. Als wir unsere Kyjiwer Wohnung verließen, hatten wir alles mitgenommen außer Unterwäsche, und nur meine jüngere Tochter hatte 20 Paar Unterhosen dabei — und sonst keine Kleidung. Von meinen eigenen Ersparnissen kaufte ich in Chmelnyzkyj das Nötigste.
Umzug nach Riga: Arbeit, Schule und prorussische Nachbarn
Mein französischer Chef war die ganze Zeit erreichbar und schlug eine Lösung vor: „Tanja, du wirst eine Zeit lang in Riga nützlich sein, bis sich die Lage ändert.“ Ich beschloss, mit meiner Mutter und meiner Tochter nach Lettland zu fahren. Ich tankte das Auto mit Treibstoff voll, den ich zwei Tage lang in ganz Chmelnyzkyj gesucht hatte, und wir machten uns auf den Weg. Nach einem Tag ohne Schlaf erreichten wir Posen, brachten die jungen Frauen unter und ruhten uns selbst im Wohnheim eines Physikinstituts aus, für das ich wie für ein Hotel bezahlte. Bald darauf bestätigte das Unternehmen, dass es für uns eine Unterkunft in Riga gefunden hatte, und wir fuhren weiter.
In Riga arbeitet mein direkter Vorgesetzter Ihor — er ist Lette. Die lettische Bevölkerung vor Ort unterstützte die Ukraine außerordentlich stark. Das lässt sich über den russischsprachigen Teil der Bevölkerung nicht sagen — damals gab es dort sehr viele prorussisch eingestellte „Watniki“. Wir zogen ein, ich begann zu arbeiten, und es stellte sich die Frage nach einer Schule für meine Tochter. In der Nähe gab es nur eine russischsprachige Schule, und das war mein Fehler — ich hätte auf einer lettischen Schule bestehen sollen. In dieser Schule geschah ein Unglück: Meine Tochter (die in die fünfte Klasse kommen sollte) wurde getestet, und man erklärte, sie sei zu klug, daher wurde sie sofort in die sechste Klasse zu Kindern versetzt, die 1,5 bis 2 Jahre älter waren. Mit 10 Jahren mit 12-Jährigen zu lernen, ist sehr schwer. Die Atmosphäre war furchtbar: Die Kinder in der Schule sagten offen, dass sie Putin lieben und Russland „das beste Land“ sei. Außerdem wurden dort russische Sprache und Literatur unterrichtet. Für das Kind war es seelisch sehr schwer, sie weigerte sich, dorthin zu gehen.
Außerdem musste ich zwei- oder dreimal die Polizei rufen, weil mein Auto mit ukrainischem Kennzeichen vor dem Haus mit rohen Eiern beworfen wurde. Aber die Polizei in Lettland arbeitet effektiv: Nachdem Protokolle aufgenommen und Aufnahmen der Überwachungskameras ausgewertet worden waren, hörte das auf. Die prorussischen Bewohner trauten sich nicht, einem etwas ins Gesicht zu sagen. Die lettische Jugend vor Ort spricht überwiegend Englisch und wechselt nur dann ins Russische, wenn sie die Erlaubnis dazu bekommt.
Mental und körperlich war es sehr schwer. Meine Mutter stand jeden Morgen mit den Worten auf: „Ich sterbe hier, bring mich nach Hause.“ Danach stimmte das Kind mit ein: „In diese Schule gehe ich nicht, ich will nach Hause.“
Nachricht aus der Region Kyjiw und das „Hamster“-Syndrom
Ende April erhielten wir die Nachricht von der Befreiung unseres Bezirks in der Region Kyjiw. Es gab einen oder zwei Tage, an denen ich dachte, dass es die Datscha nicht mehr gibt — auf den Satellitenbildern waren ringsum nur Krater. Doch als unsere Soldaten ins Dorf kamen und die ersten Fotos schickten, zeigte sich: Die Nachbarhäuser gibt es nicht mehr, aber meins steht — beschädigt, furchterregend, aber mit Wänden!
Nach zwei Wochen Hunger unter der Besatzung entwickelte ich ein „Hamster“-Syndrom. Ich begann, in riesigen Mengen Dosenfleisch, Konserven und Getreide zu kaufen und in die Wohnung in Riga zu schleppen. Am 14. Juni 2022 verließen wir Riga und kehrten innerhalb von zwei Tagen in die Ukraine zurück. Das Auto war bis obenhin mit Lebensmitteln vollgepackt, und auf dem Armaturenbrett fuhr in einem Käfig ein kleiner Hamster mit, den wir meiner Tochter in Lettland gekauft hatten, um sie aufzuheitern.
Rückkehr: „Ich will nur zu Hause leben“
Als Erster fuhr mein Bruder zur Datscha nach Kolonschtschyna. Er rief mich an und sagte:
— Ich habe zwei Nachrichten für dich: eine gute und eine schlechte. Mit welcher soll ich anfangen?
— Fang mit der schlechten an.
— Wir haben kein einziges heiles Fenster und keine einzige heile Wand.
— Und die gute?
— Die gute ist, dass wir eben keine Fenster haben. Denn im Haus haben diese Mistkerle (die russischen Besatzer) gewohnt und alles im wahrsten Sinne des Wortes so verdreckt, dass wir, wenn es Fenster gäbe, am Gestank erstickt wären.
In mir erwachte ein wildes, unbändiges Verlangen, alles sofort wieder aufzubauen. Mir war egal, dass der Krieg gerade erst vom Haus abgezogen war und die Zukunft ungewiss. Ich wollte mein Zuhause wiederherstellen.
Ich zog keine anderen Möglichkeiten in Betracht als die Rückkehr in die Ukraine. Durch meine Arbeit reise ich viel in der Welt, es gibt unzählige Orte, an die ich als Touristin gern zurückkehren würde. Aber diese Monate der erzwungenen Emigration haben mir eine unerschütterliche Gewissheit gegeben: Ich will nur zu Hause leben. Ich muss mein eigenes Haus haben, mein eigenes Nest. Niederlande, Frankreich, Deutschland oder Lettland — nirgendwo auf der Welt wird es mir so gut gehen wie in der Ukraine.
Leben nach der Rückkehr: ein wiederaufgebautes Haus und Pläne für die Zukunft
Meine Tochter kehrte zu ihren Schulfreunden in Kyjiw zurück (aus ihrer spezialisierten Mathematikklasse sind nur zwei Kinder ins Ausland gegangen, die übrigen sind zurückgekehrt). Wegen des psychischen Traumas durch die Besatzung und die Schulzeit in Riga brauchten wir ein ganzes Jahr Arbeit gemeinsam mit der Klassenlehrerin, um meine Tochter wieder zu vollwertigem Lernen und Umgang mit anderen zu bringen. Heute hat sie sich vollständig eingelebt.
Für meine 88-jährige Mutter ist das bereits der zweite Krieg in ihrem Leben. Sie ist ein Kriegskind. Wir haben meinen Vater 2013 verloren, und meine Mutter fürchtete nichts mehr, als in der Fremde zu sterben und begraben zu werden statt neben ihrem Mann.
Innerhalb eines Jahres nach der Rückkehr habe ich das Datschenhaus vollständig wiederaufgebaut, und jetzt leben wir dort dauerhaft. Heute habe ich einen Bullerofen, zwei Wagenladungen Brennholz, einen Generator, ein komplett umgebautes autarkes Stromsystem und einen großen Lebensmittelvorrat. Unser Teil der Region Kyjiw, der die Besatzung überstanden hat, kam durch die vergangenen harten Winter ohne jegliche Probleme, denn jeder hat eine alternative Heizung, Brennholz, Generatoren, und die Nachbarn helfen einander.
Meine Zukunftspläne sind ausschließlich mit der Ukraine verbunden. Wir sind eine Nation, die wahre Wunder vollbringen kann — für sich selbst und für andere.
❗️ Das Projekt YOUA bietet ausschließlich technische Unterstützung und beeinflusst keine persönlichen Entscheidungen der Menschen hinsichtlich einer Rückkehr in die Ukraine. Die Teilnahme an Veranstaltungen und die Nutzung von Diensten wie der Plattform „Nach Hause“ erfolgen ausschließlich freiwillig — für diejenigen, die eine Rückkehr in Erwägung ziehen, eine solche Entscheidung bereits getroffen haben oder sich im Prozess der Reintegration nach ihrer Rückkehr in die Ukraine befinden.
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